Der Verrückte von Juha Hurme

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Ein namenloser Protagonist, dessen Tod und ein gelbes Haus. So die Ausgangskonstellation von Juha Hurmes Roman. In der Folge installiert Hurme einen inneren Monolog, der erst wieder halt macht, als der Protagonist das gelbe Haus lebend verlässt.

Gleich im ersten Satz berichtet der Ich-Erzähler von seinem ersten Tod. Gefolgt von den Toden zwei und drei. Ihm ist da bereits klar, dass “Es” kommen wird. In manischem Wahn gefangen (besagtes Es), strauchelt der Erzähler durch Strassen und öffentliche Verkehrsmittel, magisch angezogen von einem gelben Haus. Den Menschen im gelben Haus erklärt er, dass er tot sei, worauf Verhöre folgen, die er möglichst wahrheitsgetreu zu beantworten sucht. Sie behalten ihn da, im gelben Haus. Der Verrückte bezieht seinen Posten und die Geschichte nimmt ihren Lauf.

Es gibt zwei Arten, wie man sich diesem Roman nähern kann. Entweder man betrachtet ihn als fiktionales Werk über einen Krankheitsverlauf, als Schilderung des daraus folgenden monatigen Aufenthalts in einer psychiatrischen Klinik oder man sieht Der Verrückte als Aufarbeitung eigener Erfahrungen des Autoren Juha Hurme, der diese zwar klar fiktionalisiert, sich in seiner Erzählung aber trotzdem ganz deutlich auf autobiografische Erfahrungen stützt. Keine dieser Lesarten ist falsch, aber erst in ihrer Verbindung entfaltet sich die volle Raffinesse und Nuanciertheit von Hurmes Prosa.

Hier war eine Realität entschlossen über eine andere gelegt worden. Der Gesamteindruck war atemberaubend.

Juha Hurme: Der Verrückte, S. 173.

Nach der ersten Lesart ist das ein absolut furioser innerer Monolog, der den wilden Gedankenströmen des Protagonisten folgt. Zu Beginn eine raffiniert geschilderte Psychose, wird das Tempo mit der Zeit etwas gemächlicher und macht Platz für Absurditäten, Schalk, Galgenhumor und Witz. Gerade der letzte Teil ist erstaunlich heiter und amüsant, die Bewohner stellen ein vom Protagonisten verfasstes Theaterstück über J.J. Wecksell nach. Das beginnt mit einer amputierten Maus und endet in einem Luftgitarrensolo von Puupponen. Die Figuren wissen zu bezaubern und amüsieren, werden aber nie als klischierte Witzfiguren missbraucht. Also bereits in einer rein textimmanenten Lesart ist das ein unterhaltsamer, clever konstruierter Roman.

Aber erst, wenn man den Roman auch als Verarbeitung autobiografischer Erfahrungen liest, wird aus dem furiosen inneren Monolog ein raffiniertes, wahrhaftiges Stück Literatur. Juha Hurme erlitt nach dem Tod seiner Mutter 2009 eine Psychose, aufgrund derer er einen Monat in einer Psychiatrie verbrachte und das nächste Jahr über mit schwersten Depressionen zu kämpfen hatte. Jene Erfahrungen hat er in diesem Roman verarbeitet (Im finnischen Original (Hullu) 2012 erschienen und später zu einem Theaterstück umgearbeitet.). Die Stationen des Romans, decken sich ziemlich genau mit den eigenen Erfahrungen (Aufenthaltsdauer, Zeitraum etc.) müssen also eigentlich auch als Elemente eines Verarbeitungsprozesses gelesen werden. Aus diesem Bezug gewinnt der Roman einen grossen Teil seiner Furiosität, der Abstieg in den eigenen Wahnsinn wird genauso eindringlich geschildert, wie der lange, harte und stete Tritt, den es für den Wiederaufstieg benötigen wird. Hurme beweist sich dabei als penibler Betrachter seiner Selbst, als Protokollant des beschädigten eigenen Geistes.

Maximilian Murmann hat Hurmes Roman in ein, von der Wortwahl her, einfaches, fliessendes Deutsch übertragen, das der Strudelhaftigkeit der Gedankenströme gerecht wird, strukturell den Ursprung aus dem Finnischen aber nie verschleiert. Ganz bewusst wurde auch sprachlich einiges vom finnischen Original beibehalten (Eigennamen etc.), wodurch beim Lesen immer klar ist, dass man hier ein “finnisches” Buch liest. Von Verlagsseite wurde das Buch sehr ansprechend gestaltet und gerade typografisch wirkt das Buch frisch und leicht, weil der schweren Schrift viel Raum und Platz zugestanden wird.

Der Verrückte ist keine leichte Kost. Man folgt dem Protagonisten an den Tiefpunkt seines Lebens. Dieser Tiefpunkt ist furios geschildert, lässt aber auch die Absurdität und Heiterkeit nicht zu kurz kommen. Ein durch und durch lesenswertes Plädoyer gegen die Stigmatisierung von Geisteskrankheiten. Und ein richtig guter Roman.